arrow-right
jetzt_gefierpunkt

Am Gefrierpunkt – Social Freezing

Reportage | Süddeutsche Zeitung | 2015
Mina ist 25. Von ihrem ersten Gehalt lässt sie ihre Eizellen einfrieren – als frühe Versicherung für eine späte Familienplanung. Über einen Entschluss zur Unentschlossenheit

Mina spürt einen leichten Klaps im Gesicht. Sie liegt im Aufwachraum, noch etwas benommen, Vorhänge trennen sie von anderen Patientinnen. Den Klaps hat ihr eine Krankenschwester gegeben, damit sie wach wird. Draußen wartet ihr Vater, er bringt sie nach Hause.

Mit einer Nadel wurden Mina gerade 25 Eizellen über die Vagina aus dem Eierstock entnommen. 14 davon werden nach der Qualitätsprüfung bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff schockgefrostet. Und in der Münchner Maximilianstraße gelagert, die Bayerische Staatsoper und eine Filiale von Louis Vuitton sind direkt ums Eck.

Wenn Mina, 26 Jahre, von diesem Tag erzählt, muss sie ein bisschen schmunzeln. In der Klinik hielt die Anästhesistin ihren Vater für ihren Lebensgefährten. Naheliegend wäre es: Es geht bei dem Eingriff schließlich um Familienplanung. Bei Bedarf können Minas Eizellen jederzeit wieder aufgetaut, künstlich befruchtet und in ihre Gebärmutter eingesetzt werden. Was Mina da macht, nennt sich Social Freezing.

Im März 2015, ein halbes Jahr nach der Operation, sitzt Mina am Küchentisch in ihrem Apartment in Prenzlauer Berg Berlin. Sie trägt ihre dunklen Haare zum Mittelscheitel gekämmt, dazu einen gelben Pullover. Die Episode mit der Anästhesistin und ihrem Vater findet sie noch aus einem anderen Grund ein bisschen lustig: Sie ist seit fünf Jahren Single. Ein Lebensgefährte war lange nicht in Sicht.

Zu Beginn ihres Studiums war Mina das letzte Mal richtig verliebt. Sie möchte auf jeden Fall mal Kinder haben. „Nur die nächsten Jahre auf keinen Fall“, sagt sie. Und dann noch: „Ich bin Planerin.“

Sie will nicht irgendwann feststellen, dass sie den Zeitpunkt für Kinder verpasst hat. Genauso wenig will sie sich aber von ihrer biologischen Uhr in den Irrsinn treiben lassen. Wenn man so will, hat Mina mit dem Einfrieren ihrer Eizellen den Plan gefasst, lange nichts planen zu müssen.

Meistens geht es in der Debatte um Frauen Mitte 30. Mina ist 26

Social Freezing – seit vergangenen Sommer ist dieser Begriff ein großes Thema. Damals verkünden Facebook und Google, dass sie die Kosten für Social Freezing bei ihren Mitarbeiterinnen übernehmen. Mina hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden, aber es gibt Streit und Diskussionen auf der ganzen Welt. Darf ein Arbeitgeber so in das Privatleben seiner Mitarbeiter eingreifen? Darf er Anreize setzen, mit der eigenen Fruchtbarkeit zu pokern? Befürworter sehen darin ein familienfreundliches Signal, das Frauen mehr Möglichkeiten gibt, selbst zu entscheiden, wann und unter welchen Umständen sie Mutter werden wollen. Andere sagen: Das helfe auch nicht, das eigentliche Problem zu lösen: dass es Frauen nicht gerade leicht gemacht wird, Karriere und Kinder gleichzeitig in ihrem Leben unterzubringen.

Minas Geschichte ist Teil dieser Diskussion, aber sie zeigt einen neuen Aspekt. Bislang standen in der Debatte immer Frauen im Mittelpunkt, bei denen es langsam, aber sicher knapp wird mit dem Kinderkriegen. Frauen ab 30, die nicht mehr ewig warten können. Mina ist 26. Sie hat noch viel Zeit, sich muss sich nicht sorgen, sie braucht noch keine Versicherung in einer Eiskammer in München. Eigentlich.

Das Problem bei der Fruchtbarkeit der Frau sind die Eizellen. Die Qualität des Erbmaterials nimmt ab Mitte 20 ab. Unter anderem wird es deshalb schwerer, im Alter noch Kinder zu bekommen. Die Chancen einer Risikoschwangerschaft steigen – diese Angst wird oft in Kinderwunsch-Broschüren aufgegriffen, wie sie in Kliniken wie der in der Münchner Maximilianstraße ausliegen. Auch wenn der Körper die Belastung einer Schwangerschaft noch über die 40 hinaus auf sich nehmen könnte – wenn es die Eizellen nicht mehr hergeben, ist es vorbei.

Die Methode, gesundes Erbmaterial für einen späteren Zeitpunkt zu konservieren, stammt aus der Krebstherapie. Vor einer Chemotherapie werden Patientinnen schon länger gesunde Eizellen entnommen. Für den Fall, dass die Medikamente die Zellen schädigen.

Minas Krankenkasse übernimmt die Kosten für das Freezing nicht. Sie zahlt die 4000 Euro selbst – ihr erstes eigenes Gehalt. Dazu kommen 20 Euro im Monat für die Lagerung.

Im Februar vor einem Jahr kommt Mina auf die Idee. Sie arbeitet gerade als wissenschaftliche Dokumentarin und sichtet eine Reportage des Bayerischen Rundfunks. Sie handelt von Paaren, die sich für Social Freezing entscheiden. So erfährt Mina von einem Münchner Arzt, der diese Dienstleistung speziell für Frauen anbietet, die später Mütter werden wollen. Sie lässt sich einen Termin geben. Erfolgloser Dating-Marathon, die Aussicht auf eine Karriere mit befristeten Verträgen – warum Mina sich für Social Freezing entscheidet.

Als sie ihr Studium beendet hat, verfällt Mina in einen regelrechten Dating-Marathon. „Ich war bereit für eine neue Beziehung“, sagt sie. Sie probiert Online-Datingseiten durch, von Shopaman über OkCupid zu Tinder. Niemand dort begeistert sie. „Ich glaube, das Problem meiner Generation ist: Es gibt zu viel Auswahl. Du kannst dich jeden Tag mit jemand anderem verabreden“, sagt sie. Es gibt eine Wortneuschöpfung, die die notorische Unentschlossenheit auf den Punkt bringt: Mingle. Eine Mischung aus Mixed und Single. Mina gefällt das Wort nicht, doch es beschreibt ganz gut, wie es in letzter Zeit aussah, wenn da was lief mit Jungs. „Kuscheln war okay, aber zusammen waren wir nicht.“

Seit Mina Eizellen eingefroren hat, ist der Druck weg.

Als sie das Arztzimmer betritt, begrüßt sie der Arzt enthusiastisch. „Eine super Sache, für die Sie sich entschieden haben“, sagt er. „Je früher, desto besser.“ Eigentlich will Mina sich nur beraten lassen, stattdessen gratuliert der Arzt ihr zu einer Entscheidung, die sie noch gar nicht getroffen hat.

„Ich war unsicher nach dem Termin“, sagt sie. Der Arzt vermittelt ihr das Gefühl, es handle sich um das Vorgespräch zu einer Zahnreinigung. Mit einer Broschüre, die eine tickende Eieruhr zeigt, verlässt sie die Praxis. Sie muss mit ihren Eltern sprechen.

Mütter sind bei ihrer ersten Geburt im Durchschnitt 29 Jahre alt und unverheiratet.

Die Eltern hören sich an, was Mina sagt. Sie finden die Idee gut. „Ohne ihre Unterstützung hätte ich es mich wahrscheinlich nicht getraut,“ sagt Mina. Ihre Mutter war mit 31 Jahren zweifache Mutter. „Dass meine Familienplanung nicht so ablaufen wird, ist mir klar“, sagt Mina. Sie studiert Geschichte und Jura und schließt eine Ausbildung zur Volontärin an – „trotzdem steht mir eine Karriere in befristeten Verträgen bevor. Da möchte ich mich beruflich erst noch etablieren, bevor ich Mutter werde.“ In ihrem Freundeskreis ist von Kindern noch keine Rede.

Vielleicht wird das auch noch lange nicht der Fall sein. Wer heute jung ist, braucht ein bisschen, sich selbst und einen Partner zu finden und dann auch noch den Moment, in dem das Leben sich so anfühlt, als könnte ein Kind da reinpassen. Die „späten Mütter“ mit über 30 Jahren liegen im allgemeinen Trend, vor allem unter Akademikern. Mütter sind bei ihrer ersten Geburt im Durchschnitt 29 Jahre alt und unverheiratet. Vielleicht ist das, was Mina tut, also nur die logische Konsequenz aus diesen Entwicklungen? Wenn so vieles darauf hindeutet, dass man eine tiefgefrorene Versicherung für die Familienplanung vielleicht mal gut gebrauchen kann, warum soll man sie dann nicht mit Mitte 20 abschließen?

Zwei Wochen vor dem Eingriff lässt Mina sich Blut entnehmen, um ihre Werte für die Hormondosierung zu ermitteln. Am ersten Tag ihrer Periode beginnt die hormonelle Stimulation. Zwei Wochen lang spritzt sie sich täglich Hormone in den Bauch. „Meine Eierstöcke wurden riesig und drückten.“ Zwei Tage vor der OP, um acht Uhr abends, löst sie mit einer weiteren Spritze ihren Einsprung aus. Alles ist bereit.

Viele von Minas Freunden reagieren überrascht, wenn sie hören, wie viel Geld sie für ihre Eizellen ausgegeben hat. Aber Mina fühlt sich jetzt ruhiger, sagt sie. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich vorgesorgt habe“, sagt sie. „Und das Freezing bleibt ja nur Plan B.“ Bis sie einen passenden Mann gefunden hat, mit dem sie eine Familie gründen will, datet sie weiter, nur neuerdings ohne irgendeinen Druck. Und im Kreis ihrer engen Freundinnen nutzen sie jetzt eine neue Maßeinheit, um zu beschreiben, wie teuer ein Date war: „20 Euro entspricht einem Monat Eizellen in der Maximilianstraße.“

Zuerst veröffentlich in Süddeutsche Zeitung, 2015.