arrow-right
jilet_ayse_presse

Nicht jugendfreie Sprache

Interview | bento | 2016

Wir haben Deutschlands Migrationsalbtraum Jilet Ayse alias Idil Baydar im Gorki Theater zum Gespräch getroffen.

Toupierte Haare, glossy Lippen, riesige Ohrringe und eine Stimme, die Männern Gänsehaut beschert: Das ist Jilet Ayse. Sie nennt sich Deutschlands Migrationsalbtraum, Bundeskanakin und Zukunft von Deutschland. „Wallah, ich hab nix gemacht“, steht auf ihrem Pullover. Schrilles Outfit, laute Stimme: Jilet könnte als das türkische Pendant zu Cindy von Marzahn durchgehen.

Ausgedacht hat sich die Kunstfigur Idil Baydar. Mit ihrer Klischee-Türkin Jilet aus Berlin-Tempelhof will sie Vorurteile zeigen und ironisch aufbrechen. Das macht sie in einer klingenscharfen, oft nicht jugendfreien Sprache. Als lebendes Klischee ist sie lustig. Und was sie sagt, kommt an bei jungen Leuten.

Die YouTuberin Idil Baydar arbeitet an Berliner Brennpunktschulen. Sie kennt die Probleme von muslimischen Einwandererkindern. Ende 2014 hatte ihr Kabarettprogramm „Deutschland, wir müssen reden!“ Premiere. Neben der besorgten Mutti Gerda Grischke spielt sie vor allem die aufsässige Jilet Ayse. Die ist wütend, weil sie als Ausländerin abgestempelt wird, beim Onkel im Kiosk arbeiten muss und ihr das Job-Center auf die Pelle rückt. Doch sie hat gelernt, auszuteilen.
Idil, was ist deine Lieblingsfarbe?Gold-Weiß und Türkis (lacht). Das werde ich selten gefragt.Weil du als Jilet Ayse die Rolle des Badgirls spielst?Wäre Jilet gut, würde sich keiner für sie interessieren. Erst durch die Reaktionen auf YouTube habe ich begriffen, warum sie den Nerv trifft. Das heißt nicht, dass sie nicht gut ist in ihren Intentionen. Sie ist wie eine Kreuzung aus Shrek und seinem Esel, weil sie genau so viel redet.Früher hast du dich in deiner Rolle viel über Sternchen wie Mandy und Özil ausgelassen. Jetzt sind es oft politische Themen. Bist du erwachsen geworden?

Ich spreche in meinen Videos an, was mich nervt. Früher hatte ich mehr Boulevard gemacht. Zu dieser Zeit hatte ich eine Kolumne für die „Bild“. Da sind diese Themen mehr angesagt, da das Politische nie übereingestimmt hat.

Warum hast Du trotzdem für die „Bild“ gearbeitet?

Der Verlag hat früh bei mir angefragt. Es war für mich eine Möglichkeit, mir als Künstlerin Reichweite zu verschaffen. Insofern kam es mir gelegen.

Angst, falsch verstanden zu werden, hattest du nicht?

Ich war nie „Bild“-konform. Für mich ist es eine Art Studie gewesen. „Schiebt es ab. Tötet es, bevor es Eier legt“, das waren die Kommentare auf meine Videos. Die Figur verkörpert das, worüber sich aufgeregt wird. Ayse ist der Integrationsalbtraum.

Helfen deine Figuren Jilet Ayse und Gerda Grischke, Vorurteile abzubauen?

Wenn der Zuschauer bereit ist, dann sind sie ein Angebot. Ich gebe die Möglichkeit, sich Vorurteilen in einem geschützten Raum bewusst zu werden und eine Rassismus-Debatte zu führen, die über das gemeinsame Lachen verhandelt wird, weil wir den Klischees ohne Richter begegnen können. Die Welt braucht Liebe.

Deine Eltern sind Einwanderer. Siehst du Nachteile in deinem Türkisch-Sein?

Sobald ich in die Gesellschaft gehe, spielt mein angehängter Migrationshintergrund eine Rolle.

Stört dich das?

Es hat mich lange gestört. Als Kind wurde ich nicht so ausländisch wahrgenommen wie als Erwachsene. Das hat dazu geführt, dass ich mich ambivalent verhalte. Wenn ich deutsch sein möchte, bin ich deutsch. Und wenn ich ausländisch sein möchte, bin ich ausländisch.

Hast du deine Herkunft nicht als Vielfalt gesehen?

Ich habe es als Reichtum empfunden, deshalb bin ich schockiert, dass die Gesellschaft das oft nicht tut. Wenn du permanent reduziert wirst, fällt das Wertvolle weg, weil es deinem Klischee nicht zugesprochen wird.

Du bist beruflich erfolgreich. Damit entsprichst du nicht dem Klischee.

Vorzeigeäffchen sind ein Symptom einer rassistischen Gesellschaft. Ich möchte nicht instrumentalisiert werden, weil ich mir bestimmte Räume erschaffen habe. In Deutschland ist es schwer, erfolgreich zu sein. Vor allem für Männer, die dunkel aussehen oder das Mädchen, das eben nicht so europäische Gesichtszüge hat.

Siehst du in Deutschland Chancenungleichheit?

Es ist eine Systematik, die an Schulen angewendet wird. Ich sehe, was ein Jugendlicher mit einem orientalischen Aussehen in diesem Land für Erfahrungen macht. Ich habe an entsprechenden Orten – der Nürtingen-Schule, der Rütli-Schule – als Sozialpädagogin gearbeitet. Seit meinen Zwanzigern bin ich in der Jugendarbeit tätig und weiß: Da ist keine Chancengleichheit.

Was machst du dagegen?

Für mich ist es wichtig, den Erfolg da einzusetzen, wo ihn Menschen brauchen. Wenn ein Mädchen mit einem Notendurchschnitt von 1,7 zu mir kommt und sagt, meine Lehrerin meint, ich soll mich bei Aldi bewerben, dann klappt es nicht. Gerade leite ich ein Projekt in die Wege, das solche Vorfälle sammelt.

Wie siehst du die Berichterstattung über Migranten und Geflüchtete?

Ich finde sie schade und kontraproduktiv. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns im Hexenzeitalter.

Was stört dich? 

Bezeichnungen wie „Dönermord“ machen mich wütend. Ich bin kein Döner. Das ist abwertend. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sollte man solche Begriffe nicht verwenden. „Nicht-deutscher Herkunft“ ist auch so ein Fall. Was soll das heißen, nicht-deutscher Herkunft, wenn man in Deutschland geboren ist? Und es geht weiter mit Berichten über „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge.

Aber öffnet sich Deutschland nicht langsam?

Es ist schlimmer geworden. Ich höre oft, ich würde übertreiben, als ob es die Vorurteile, die ich als Ayse spiele, nicht geben würde. Ich stehe hier nicht für mich. Ich lehne mich aus dem Fenster, um für diese Leute Gehör zu bekommen.

Was wird schlimmer?

Jugendliche werden von der Gesellschaft ausgegrenzt. Ich sehe, wie sie sich bemühen. Doch sie erreichen einen Punkt, an dem die Verletzungen zu viel sind. Und dann haben sie nichts mehr mit Deutschen zu tun.

Was rätst du deinen Schülern?

Viele wollen reden. Doch die Kapazitäten dafür gibt es an Schulen oft nicht. Ich rate ihnen, Englisch oder Französisch zu lernen, um anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Besonders Mädchen nehmen das gut an.

Zuerst veröffentlicht auf bento.de.